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Die Lamson Drachen in ihrer zeitgenössischen Literatur

   

Durch das Buch "Drachen mit Geschichte" von Walter Diem und Werner Schmidt hatte ich Blut geleckt. Sukzessive entstanden nach dem Lamson weitere Drachen nach diesem Buch: Grund´scher Regulierdrachen, Lecornu´scher Multizeller und Sauls, noch bevor es in jedem Drachengeschäft komplette Verbindersätze gab. Es musste doch möglich sein, selbst Literatur und Pläne über historische Drachen zu finden. Clive Hart mit seinem Buch "Kites-A Historical Survey" half dabei mit seiner großen Bibliographie ebenso wie eine drachenspezifische Literaturliste von F. Denk von 1943. Walter Diem, Hans Snoek und die Landesbibliothek Speyer ließen fast keine Wünsche offen. Sogar zwei unveröffentlichte Manuskripte von Valentin Oesterle und Rudolf Grund sind nun in meinem Besitz. Auch den noch unkatalogisierten Teil des Nachlasses des Direktors der Deutschen Seewarte, Neumayer, der aus der Pfalz stammt und hier seinen Alterssitz hatte, durfte ich in der Landesbibliothek sichten.




Wenn der Name Lamson in dieser Literatur mal erwähnt wird, dann aber als der eines der größten Drachenkonstrukteure überhaupt. Einen Artikel von ihm selbst und sein Patent ist auf der Homepage zu sehen. Die weitere Literatur entnehme man der unten aufgeführten Literaturliste.

Wann genau Lamson die Drachen für sich entdeckt hat ist nicht genau zu sagen. Ich schätze, es war um 1890. Von der Datierung der Bilder und Texte war 1897 aber ein Hochjahr. Der "Manlifter" entstand, dessen Zuweisung an Lamson etwas umstritten ist. Bei diesem Monsterdrachen legte Lamson keinen Wert darauf, dass er zerlegbar und damit gut transportabel sein musste. Bei allen anderen Drachen dieses Jahres war ihm dies aber sehr wichtig. Bei der Größe von "Multiplane Folding Kite" und "Aerocurve" war das auch angebracht. Wenn der "Aerocurve" in der Meteorologie eingesetzt war, dann ist das nicht so ganz nachzuvollziehen, weil an diesen Observatorien die Drachen aufgebaut gelagert wurden. Vielleicht Verwendung für Expeditionen ? Nun ja, auch zusammengelegt sind diese Drachen nicht gerade als handlich zu bezeichnen. Welcher der beiden "Aerocurves", Zwei,-oder Dreidecker, war denn nun der Ursprüngliche? Sicher ist hier nichts. Ich denke, dass Charles H. Lamson beide Varianten gleichzeitig entwickelt hat, gehen sie doch in ihrer Grundkonstruktion auf die gleichen Prinzipien zurück: hinterer Teil mit zwei Dreieckssegeln übereinander und eine Seitenruderfläche. Vorderer Teil aus zwei oder drei Tragflächenpaaren an einem zum Teil bespannten Rumpfteil. Wichtigstes Konstruktionsprinzip: die Profilrippen der Tragflächen. Ob das seine eigene Erfindung war ist unentschieden. Manche meinen, Octave Chanute wäre der Urheber, andere sagen, er habe sie von Hargrave übernommen, der allerdings mit doppel-S-förmigen Rippen experimentierte, die in der Endversion seinen Drachens aber nicht mehr vorkamen. Vielleicht hatte aber auch Lilienthal Einfluß auf Lamson, der der erste in den USA war, der Lilienthal-Gleiter baute und flog.



Zunächst zum Dreidecker- "Aerocurve", dessen einziges bekanntes Bild bei Hart auf Seite 57 auf ca. 1897 datiert ist. Interessant sind die Unterschiede zwischen diesem Modell und der Patentschrift von 1901: auch der hintere Teil des Drachens von 1897 hat drei Tragflächen, wobei die Unterste dreiecksförmig zum vorderen Rumpfteil hin verlängert ist und eine zusätzliche Segellatte besitzt. Das vordere Rumpfteil ist fischförmig ausgebildet und nicht "flach" wie in der Patentschrift. Die innersten Segmente der oberen Tragflächen sind auch nicht bis zur Rumpfspitze gezogen wie beim Modell 1901. Das Patent sieht ebenfalls nicht vor, die äußersten dreieckigen Segmente der unteren Tragflächen zweizuteilen, wie das bei fast allen Zweidecker-"Aerocurves" der Fall war. Ein weiteres Detail von 1897 ist eine dritte senkrechte Stütze im Bereich der zweiten Profilrippen jeder Tragfläche, die die Spitzen dieser Rippen miteinander verbindet. Die interessanteste Änderung von 1897 zu 1901 ist für mich die Befestigung der beiden Flugschnüre. 1901 wurde eine an der vorderen Rumpfspitze befestigt, die zum Handling des Drachens bei der Landung dienen sollte und eine Hintere direkt am Ansatzpunkt der untersten Tragfläche am Rahmen,, die die eigentliche Flugschnur darstellt. Anders 1897: zwischen den jeweils zweiten Profilrippen der rechten und linken unteren Tragfläche (deshalb wohl die erwähnte dritte zusätzliche Stütze) läuft entweder eine kräftige Leine oder ein Holz,-oder Metallstab. Zwei Leinen mit jeweils einem oberen Auge führen von dort nach unten und enden in einem Abstandshalter. Von dort läuft dort ein Leinendreieck, in das eine der beiden Hauptleinen eingehängt wird. Die andere Leine ist am vordersten Rumpfende befestigt und läuft irgendwie (das ist auf dem Bild nicht erkennbar) durch die hintere Konstruktion nach unten. Hart (S. 145) schreibt von diesen beiden Hauptleinen allerdings in weiterer Modifikation: die Flugleine wäre zwischen vorderstem Rumpfteil und dem Ansatz der unteren Tragfläche am Rahmen befestigt gewesen, die Zweite ( am vorderen Rupfende) hätte zum Flug in Starkwind gedient.

Eingesetzt wurde der Dreidecker nur am Blue Hill Observatorium, USA, als "Leader" einer Drachenkette bei einigen sehr hohen Aufstiegen. Er flog bei leichterem Wind als ein Hargrave und das war wichtig, wenn in höheren Luftschichten die Windstärke abnahm. Die komplizierte Konstruktion verhinderte aber häufigere Einsätze.




Ähnlich ging es dem Zweidecker: hochgelobt wegen seinem geringen Stirnwiderstand, guter Steigkraft bis zu 70 Grad und geringem Kabelzug, aber wenig eingesetzt, weil schwierig zu bauen, zerbrechlich, sehr kostspielig in der Reparatur und beim Landen leicht zu beschädigen.

Am Observatorium zu Lindenberg gab es deshalb eine Kombination aus vorderem Lamson-Teil und hinterer Hargrave-Zelle, die aber schwer zu fesseln war.

Das Bild des Zweidecker-"Aerocurve" von 7 qm aus Lindenberg ist aber ein Schatz bei der Beantwortung einiger Fragen zu den Unterschieden seiner verschiedenen Varianten. Zwei Zweidecker waren dort im Gebrauch: ein Originaler und ein Nachbau des Originals. Und genau der zeigt ein flaches, vorderes Rumpfteil (so wie auch Bois und Seewarte), nicht ein Fischförmiges. Beides ist also original ! Das Bild zeigt auch (als Einziges) die vom Dreidecker 1897 bekannte dreiecksförmig verlängerte untere Tragfläche des hinteren Rumpfteils.

Was allerdings nicht zu sehen ist: die Vergrößerung der Seitenruderfläche des hinteren Rumpfteils wie bei Mitteilungen, Journal und Hoenes, die allesamt das gleiche Bild zeigen., ebenso wie Moedebeck und Bois. Diese Zusatzfläche scheint original gewesen zu sein. Nur bei Seewarte fehlt sie.

Ein Zusammenhang zwischen dieser Vergrößerung der Seitenruderfläche und der Form des vorderen Rumpfteils ist nicht erkennbar.




Bei Seewarte finden sich die interessantesten Modifikationen des Zweideckers. Das abgedruckte Bild ist eine Variante, die an Tesserenc de Bort´s privatem meteorologischen Observatorium in Trappes (nahe Paris) in Gebrauch war. und dies schon 1899 und sehr erfolgreich. Ein einzelner Drachen von 0,65 bis 0,7 kg/qm hob ein Meßgerät von 13 kg Gewicht auf 1800 Meter. Allerdings brachen immer wieder die unteren Tragflächenholme (siehe auch Bois) und dies nicht etwa bei der Landung, sondern unter Winddruck. Deshalb fügte de Bort eine zusätzliche Traverse der unteren Tragflächen hinzu, an der die beiden Männer des Bildes den Drachen halten. (vgl. dazu die Waageanbringung des Dreideckers von 1897)

So scheint es dann wohl funktioniert zu haben Aber nicht allein deshalb: die Tragflächenholme dieses Drachens und auch die Rumpflängsstäbe vorne wie hinten sind teilweise leiterartig konstruiert. Das macht sicher stabil, aber genauso auch schwer. Wenn de Bort zu einer Flächenbelastung von 0,65 bis 0,7 kg/qm kommt und das Original mit 1 angibt, dann ist die Frage nach dem verwendeten Material sehr interessant. Weiter fällt auf, dass bei diesem Drachen und auch bei Bois die äußersten dreieckigen Segmente der untersten Tragflächen nicht mehr geteilt sind. Ich dachte, diese Teilung würde vielleicht das Anströmverhalten an die beiden zusätzlichen Seitenruderflächen zwischen den äußersten Profilrippen beeinflussen. Da aber beim Dreidecker diese Teilung auch zu finden ist, nicht jedoch die zusätzlichen Seitenruderflächen, geht diese Überlegung ins Leere.




Was weiter verwundert, ist, dass die innersten Segmente der untersten Tragflächen nicht mehr bis zum Ansatzpunkt des Tragflächenholmes nach innen eingezogen sind. Dies hätte doch bewirkt, dass die obere Tragfläche besser angeströmt worden wäre. Aber der aerodynamische Effekt war wohl nicht so groß, da auch die Dreidecker darauf verzichteten.

Die beiden Franzosen, de Bort und Bois, waren die Einzigen, die auch die folgenden Änderungen ggü. dem Original vornahmen: alle anderen befestigten die Tragflächenbespannung a u f den Profilrippen, die beiden Franzosen aber u n t e r diesen.

Dies wirkte wohl sehr positiv. Lamson selbst jedenfalls beschreibt in seiner Patentschrift b e i d e Befestigungsarten. Und lässt auch offen, wie viele Tragflächen es denn nun sein sollen.

Die letzte Modifikation der beiden Franzosen betrifft die äußersten Tragflächenstützen: sie entfielen ganz schlicht. Mit meiner eigenen Bauerfahrung frage ich mich allerdings, wie dann die Tragflächen richtig stramm gespannt werden konnten.




Abschließend möchte ich noch einen Brief Lamson´s an James Means erwähnen, in dem Lamson die Möglichkeit erwägt, die "Aerocurves" auch mit Tragflächen aus Stahl oder Zelluloid zu versehen.

Ich finde es sehr spannend zu sehen, wie dieses Modell, für mich der „Kaiser der Lüfte“ immer wieder weiterentwickelt und modifiziert wurde.

Literatur:

-Bois, T.: Les Cerfs-Volants et leur application militaires, Paris, 1905
-Ergebnisse und Arbeiten des Königlich Preußischen Observatoriums zu Lindenberg, Braunschweig, 1901
-Hoernes, Herrmann: Die Luftschifffahrt der Gegenwart, Berlin, 1903
-Illustrierte Aeronautische Mitteilungen, Straßburg, 1899/1900
-Köppen, W.: Bereicht über die Erforschung der freien Atmosphäre mit Hülfe von Drachen, in: Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte, Hamburg, 1902
-Moedebeck, H.W.L.: Taschenbuch für Flugtechniker und Luftschiffer, Berlin, 1904
-The Aeronautical Journal, London, 1899

   
   
 
   

 

 

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