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Eine Doppelbuchung, ein Golf und ein Lamson Aerocurve Triplane Version

   
Um es gleich vorweg zu sagen: wer jetzt eine komplette Baubeschreibung erwartet, der möge bitte weiterblättern. Bei einem Umfang von 21 Seiten und insgesamt 171 Arbeitsschritten des Planes aus dem Buch "Drachen mit Geschichte" (Verlag Hugendubel) würde diese Beschreibung viel zu lang, zu umständlich und zu langweilig. Ich will erzählen, wie ich dazu kam, diesen Drachen zu bauen, wie er entstand und wie sich mein Leben mit ihm gestaltet.




Angefangen hatte alles mit einer Doppelabbuchung der Abo-Gebühren für das "Drachenmagazin". Am Telefon erklärte Axel Voss, dass es nicht möglich wäre, das Geld zurück zu überweisen. Ich solle mir aus der Drachenboutique etwas aussuchen. Zu dieser Zeit muß das Buch von Walter Diem und Werner Schmidt erschienen sein. Und das bestellte ich mir dann, eher aus Verlegenheit. Bis dahin hatte ich vorwiegend Lenkdrachen und einige Einleiner gebaut, aber wie in vielen anderen Gebieten interessieren mich die Ursprünge. "Mein Gott, sind die Drachen schön", dachte ich mir beim ersten Blättern, "meine Güte, sind die kompliziert", und legte das Buch wieder aus der Hand. Das traute ich mir noch nicht zu. Aber immer wieder nahm ich es in die Hand und bald waren an einer Stelle sämtliche Seiten aus dem Leim gegangen: da, wo es um den Lamson ging. Das war für mich der Faszinierendste der vorgestellten Drachen. Mein Schöpfer hat mich leider mit einem geringen räumlichen und technischen Vorstellungsvermögen ausgestattet, und so las ich wieder und wieder, versuchte angestrengt, Text, Zeichnungen und Bilder in meinem Kopf zu einem Ganzen zusammenzubringen. Darüber gingen auch 14 Tage Tunesien ins Land. Und dann stand der Entschluß fest: den baue ich, nur schwach ahnend, was da auf mich zukommen würde. Und jetzt kam mein VW-Golf ins Spiel: transportieren musste ich dieses Teil ja auch können Windbruch auf dem Autodach wollte ich doch vermeiden (Herzliche Grüße an Werner Schmidt.) Also kletterte ich mit dem Metermaß im Auto herum und vermaß. Wenn ich die Rückbank umlegen würde, und den Drachen bis ganz nach vorn schieben würde, ein Spannseil von einem zu anderen Haltegriff spanne, damit mir die Drachentasche nicht ins Gesicht hängt, dann könnte ich noch einigermaßen aufrecht sitzen. Ergebnis: Alle Maße werden um ein Drittel reduziert. Wieviel hundert Maße das waren, vergaß ich über die Stunden. Die Verkleinerung hatte auch den Vorteil, dass damit die Breite einer Spinnakerbahn optimal zu nutzen war. Der "Baumwollfraktion" wird´s die Nackenhaare sträuben: ja, ich wollte diesen Drachen in Spinnaker bauen, dadurch leichter machen und so dazu kommen, auch in den weniger windgesegneten Bereichen meiner damaligen Wohngegend fliegen zu könne. Was habe ich überlegt, tagelang, das Ganze irgendwie auch noch in Kohlefaser auszuführen. Aber die Tragflächenprofile und die Verbindung der vielen Teile miteinander ließen mich kapitulieren. Also doch in Holz. Sittkafichte sollte es sein. "Gut stehend", wie der Schreiner sagt, langfaserig und relativ leicht. Ein geflößtes Holz, als eines, was länger im Wasser liegt. Dies bewirkt, dass vorhandene Salze im Holz ausgeschwemmt werden, die sonst Feuchtigkeit anziehen und das Holz verziehen würde. Ein Anruf bei der im Buch genannten Bezugsadresse für dieses Holz, und die Preisliste kam prompt. Oh, la la! Dann doch lieber mal bei einschlägigen Holzgroßhändlern im gesamten süddeutschen Raum anrufen. "Was wollen Sie bitte? Kennen wir nicht, haben wir nicht, kriegen wir auch nicht rein."
Einmal traf ich auf einen Kundigen. Mit der Mindestabnahmemenge hätte ich mir aber ein Gartenhäuschen bauen können. Also zurück zu den Ursprüngen: "Sittkafichte, laut Bestellung vom 9.3.1995, verschiedene Leistenquerschnitte mit insgesamt 56m Länge. 198,43 DM"
So beiligende Rechnung, nachdem ich lange Zeit auf das Holz warten musste. Und zwei kurze fehlende Leisten reklamiert hatte. Zeit genug also, alle Segelteile fertig zu nähen, Ausschnitte darin und anderes mit insgesamt 104 Verstärkungen zu versehen. Dabei muß ich ein paar Löcher zuviel verstärkt haben. Baupläne muß man halt lesen können. Diese Löcher habe ich dann wieder verschlossen. Aber das war der Fehler, der mich am meisten gefuchst hat, da er so gut zu sehen war. Seitdem hasse ich es, enge Radien zu nähen. Aber noch spielte wenigstens die Nähmaschine mit. 17laufende Meter feinsten 65 Gramm Tuches wanderten unter dem Nähfüßchen durch. Da bis zum Eintreffen des Holzes immer noch genügend Zeit war, ging´s nun an die Blecharbeiten. Messingblech von 1mm Stärke ließ sich erfreulich undramatisch besorgen. Mehr als 24 verschiedene Schablonen herstellen, auf´s Blech zeichnen, damit daraus ungefähr 118 Beschläge und Verbinder entstehen. 8 Bohrer verschlissen, 6 Sägeblätter abgebrochen und zum Schluß hauchte die Baumarktstichsäge ihr Leben aus. Nachdem nun alles ausgesägt war, "nur noch die Kanten gerundet und manche Ecken rund geschliffen. Eine schöne Narbe auf meinem Unterarm zeugt noch heute von einem innigen Kontakt mit der Schleifmaschine. Irgendwie habe ich dann mit einem Schraubstock alle Teile auch in die richtige Form gehämmert und gebogen. Eine Abkantbank wäre segensreich gewesen. Nur zwei Verbindungsteile habe ich nicht selbst hergestellt: den oberen und unteren Verbinder zur Aufnahme der Tragflächenholme. Wie gut, dass ich in dieser Zeit ein Kind taufte, dessen Vater Edelstahltanks für die BASF herstellt. Damit war die Materialfrage geklärt und schon eine Woche später durfte ich die Teile abholen. Gratis. Sie waren zwar etwas schwerer, aber wenn irgendwas an diesem Drachen nicht kaputt geht, dass sind es diese Verbinder. Inzwischen hatte ich es aufgegeben, einen Überblick über die Baustunden behalten zu wollen. Nachdem nun das Holz angekommen war, galt es, alle Leisten auf das richtige Maß zu bringen, diverse andere Holzkonstruktionen zu basteln, und dann alles zu schleifen. Eingepackt wie ein Astronaut saß ich in der Garage und nebelte mich mit dem geliehenen Bandschleifer ein. Die Blicke der Nachbarn waren vielsagend. Meistens begnügte ich mich damit, lediglich die Kanten zu runden. So profiliert, wie im Plan vorgesehen, wurde das Holz nicht. Alle Holzteile habe ich mit Leinölfirnis behandelt. So kann die Feuchtigkeit zwar ins Holz hinein, aber auch wieder heraus. Bei einer irgendwann abgeschliffenen oder gerissenen Lackierung wäre das Holz gefault. Bei den Profilrippen für die Tragflächen, dem Herzstück, des "Aerocurve" bekam ich wieder Schwierigkeiten mit meinem Vorstellungsvermögen. Axel Voss nannte mir freundlich die Nummer von Walter Diem. Der war zuerst ziemlich erstaunt, dass sich jemand an diesen Drachen gewagt hat und schickte mir dann eine Skizze, auf der ich sehen konnte, wie diese Rippen nun aussehen sollten. Dabei wurde klar, dass das Rohmaß der Rippen im Buch falsch angegeben war. Das war und ist nicht der einzige Fehler in diesem Buch, ist aber bei dieser Komplexität nur zu verständlich.




Nun mit Mut, blut und reichlich Schweiß an die Montage. Genietet sollte werden. Heute weiß ich, dass mit Nieten wohl Hohlnieten gemeint sein müssen. ... Nachdem ich beim vorderen Rupfteil den ersten Montagefehler gemacht hatte, galt es "nur" zwei Nieten aufzubohren, ohne große Beschädigungen beim Holz zu verursachen. Einen Bohrständer hatte ich damals noch nicht... Von da an überlegte ich, wo ich auf Schrauben statt Nieten setze. Diese Schrauben, 2er und 3er Messingschrauben, waren nach längerer Suche auch zu besorgen, allerdings nicht gerade günstig. hätte ich mir doch gleich die doppelte Menge gekauft...




Nun ist es so, dass dieser Drachen ohne eine Verspannung recht labbelig dastehen, geschweige denn fliegen würde. "Mach´s mit Schnur!" sagten einige Leute. Mit Recht, wie sich später herausstellen sollte. Ich wollte aber eine Drahtverspannung, so wie´s im Buche steht. Aber welchen und vor allem, woher, ohne arm zu werden? Sogar beim Klaviersaitenhersteller habe ich angerufen. Dessen Preisvorstellung schreckte mich aber. Bei einer Edelstahlhandlung in Mannheim wurde ich fündig, konnte verschiedne Qualitäten probieren und wurde stolzer Besitzer von 650 Gramm Edelstahldraht unbekannter Güte, 300 KG Bruchlast und 0,8mm Durchmesser. Wieviel Meter das waren, wusste der freundliche Händler nicht. Kurz: es reichte. Auch, wenn ich mehr als doppelt so viel Draht als vorgesehen brauchte. Je größer der Drachen wurde, desto weniger spielten meine Nerven mit. Da ein loser Draht – ausgetauscht- und dann reißt irgendwo weit entfernt ein anderer oder wird schlaff. Diesen wieder getauscht und dann anderswo...Kurz und gut: irgendwann stimmte dann alles sol leidlich. Schön, dass Blut so gut von Spinnaker entfernbar ist, wenn man´s gleich abwischt. Trotz gewaltiger Hornhaut vom vielen Verdrillen des Drahtes, habe ich mich mehr als einmal geritzt und mir den Draht in Finger oder Hand gebohrt. Keine großen Verletzungen, aber dieses ständige Bluten...

Der Drachen war dann irgendwann und irgendwie fertig und fast so gebaut wie im Buch. Spannweite 2,99m, Länge über alles 3,17m, Höhe 77cm, Gewicht 7,3kg bei einer ungefähren Segelfläche von 10qm. (Kammzwecken habe ich nicht verwendet, um die Bespannung auf den Rippenprofilen zu befestigen. Wegen des größeren Anpressdruckes habe ich Messingpolsternägel genommen. Sieht auch besser aus!)




Ich habe den Drachen zusammengelegt auch durch die Zimmertür bekommen. Werner Schmidt erzählte mir auf dem Cody-Symposion 1998 der "Drachen-Foundation", dass er dies nicht geschafft habe. Eerst musste das Dachfenster des Speichers demontiert werden, um dann abseilen zu können. Flugs noch ein geräumiges Transportbehältnis in den Maßen 2,1 – 0,8 Meter genäht, noch einen Probeaufbau vor dem Verpacken. Ergebnis: zwei Leistchen gebrochen, ohne, dass der Lamson auch nur einen Zentimeter in der Luft war. Das schockte nun schon lange nicht merh. Ab in den Baumarkt, und wenn´s da keine Sittkafichte gibt, dann halt Buche. Die ist zwar schwerer, aber härter und die Leisten erschienen mir sowieso unterdimensioniert.

Auf den folgenden Drachenfesten fand mein Neuer sehr viel Anerkennung, aber dafür umso weniger Wind. Erst in Amsterdam das muß wohl 1996 gewesen sein, war es dann soweit. Frits Sauve, ein holländischer Erbauer von historischen Drachen, half mir bei den Startvorbereitungen, nachdem das komplette Demofeld geräumt war. Die zwei (!) Leinen an den Sätteln (von denen ich mir im Buch ein Bild gewünscht hätte) befestigt und ausgelegt für einen Hochstart. Zwei Helfer ließen den Drachen in den Wind. Der stieg auch schön, fing dann aber an zu gieren. Mehr Leine verstärkte diese Bewegung nur. Irgendwann kam er dann nahe an das rechte Windfenster... und ich schloß die Augen. Die machte ich erst wieder auf, nachdem der Zug an der Leine weg war. Ein sehr heftiges, einmaliges Sch... hallte über den Platz. Nach einigem Suchen fanden wir den "Landeplatz". Der Lamson war nicht auf den Boden aufgeschlagen (das sollte noch kommen), sondern hing ganz oben in einem Bäumchen, eines kleinen benachbarten Wäldchens. Dessen Krone habe ich mit der Säge eines Schweizermessers etwas gelichtet, um mein edles Teil bergen zu können. Schadensbilanz: zwei Drähte gerissen, eine Profilrippe angebrochen (habe ich mit Messingblech geschient) und die Spitze einer anderen Rippe abgebrochen (wurde ersetzt). In Amsterdam war aber erst mal Ende der Vorstellung. Ich staunte aber sehr, dass nicht mehr kaputt war. Erst 1997 hatte der Lamson seinen zweiten großen Auftritt. Auf Fanö reichte der Wind. Procedere: siehe Amsterdam Ergebnis: siehe Amsterdam.
Aber auf Fanö gab´s wirklich Kleinholz: vorderer Rumpfteil bis zu den Ansätzen der Tragflächen glatt durch, ebenso hinterer Rumpfteil in den Verbindungsmuffen. Riß in einem Segment der oberen Tragfläche von vorne bis hinten. Gerissene Drähte erwähne ich nur Kur. Ein Bild des Grauens!! Warum? Das war die große Frage. Niemand konnte sie beantworten. Nachdem ich mich wieder einigermaßen gesammelt hatte, stand fest: eine komplette Baumwollbespannung muß her! Vielleicht, war´s das.
Die Autoren des Buches hatten zwar nichts gegen Spinnaker, aber ich glaube, dass zumindest der Lamson auf dieses Material hin konstruiert wurde. Wo der Stoff dazu (eigentlich zur Restaurierung von Flugzeugoldtimern) zu bekommen war, wusste ich von Achim Kinter. Die alten Schablonen hatte ich glücklicherweise nicht weggeworfen. Meine neue Industrienähmaschine (zum Spottpreis von DM 200, die Verkäuferin wusste wohl nicht, was sie da hatte) half mir, zum ersten Mal mit Baumwolle zu arbeiten. Die Hinze´s halfen mit einer ausführlichen Anleitung, Baumwollverstärkungen von Löchern hinzukriegen. Nachdem mir das aber zu frikkelig war, musste ein altes Nylonsegel des Bootes eines Bekannten herhalten. Man verzeihe mir diesen Stilbruch.




Der komplette Drachen musste auseinander genommen werden. Erinnert Ihr Euch an die Nieten? Schlauer geworden, setzte ich den neuen Rahmen und die anderen Teile fast ausschließlich mit Schrauben zusammen. Man weiß ja nie! Und die Drahtverspannung flog komplett raus! Sie wurde durch ein Schnursystem ersetzt, das da, wo die Schnur durchscheuern könnte, mit kleinen Drahtschlingen ergänzt wurde. Die Aufbauzeit von 15-20 Minuten wird nicht verlängert und jederzeit kann nachjustiert werden. Schon vor dem Wechsel zur Baumwolle hatte ich eine zusätzliche Verspannung vorgesehen. Auch unten zog ich einen Draht ein, der das Heckteil mit dem vorderen Rumpf verbindet. Das brache auf Anhieb mehr Stabilität, ebenso wie die kreuzweise Verbindung der vorderen und hinteren Tragflächenholme. Die Verspannung, die notwendig ist, um die hinteren Dreieckssegel aufzuspannen wurde zweigeteilt, an jeweils einem Ende mit einem Drahtauge versehen, das dann am Widerlager eingehängt wird. Bei einer einteiligen Verspannung konnte der Draht in diesem Widerlager jeweils 2-3cm wandern. Ich dachte, dass dies die Symmetrie stören würde und eventuell zum Absturz mit beigetragen hat.

Zwei Tage vor Fanö 1999 brach dann noch ein vorderer Tragflächenholm im Verbinder ab. Aus einem Reststück Sittkafichte konnte ich glücklicherweise einen neuen Holm schnitzen. Hätte ich den einen durch Buche ersetzt, wären die Gewichte ungleich gewesen. Einen dritten Absturz möchte ich doch sehr vermeiden.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2003 und richtig geflogen ist meine ewige Baustelle noch nicht. ich muß noch mal ganz exakt spannen, eine V-Form in die Flügel bekommen, das Heckteil etwas anwinkeln. Dann wird es nur noch Platz, genau den richtigen Wind und eine erfahrene Bodencrew brauchen. Aber das kennen wir ja.

Riecht irgendwie nach Fanö.


   
   
 
   

 

 

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