Lucien Frantzen (1881-1975)
Mit sehr freundlicher Erlaubnis von Pierre Maziere übersetzt von Falk Hilsenbek
Die Kindheit
Lucien Pierre Frantzen wurde am 15.9.1881 in Paris als Sohn von Pierre Frantzen und Louise Virginie David geboren. Sein Vater ist Schneidermeister und stammt aus Metz in Lothringen, das er aber als Folge der deutschen Besetzung dieses Gebietes 1871 verläßt. Der Bruder von Lucien, Leon, wurde 1876 geboren. Die Familie lebt bescheiden in der 7. Etage eines Mietshauses zu einer Zeit, wo Wasser und Kohle mühsam über die Treppen in die Wohnung gebracht werden mussten. Mit drei Jahren nimmt der kleine Lucien, wie Millionen Andere ( unter ihnen auch Joseph Lecornu aus Caens) an der Beisetzung von Victor Hugo teil.
Frantzen behält sein ganzes Leben lang die Erinnerung an dieses ruhmreiche Fest zur Ehre eines Schriftstellers.
Der kleine Lucien wird als lebhaftes, witziges, genau beobachtendes und frühreifes Kind beschrieben.
Die Musik
Das Kind liest schnell und beginnt eine Ausbildung an der Posaune am Konservatorium. Als er das Grundwissen der Musiklehre und des Klaviers beherrscht nimmt er Abendkurse, um Geigespielen zu lernen. Er macht rasche Fortschritte, wird Mitglied eines Orchesters und beginnt im Alter von 14 Jahren zu komponieren. Nach der Erinnerung seines Sohnes scheint die Musik die größte Passion seines Lebens gewesen zu sein, noch dauerhafter als seine andere Leidenschaft: die Drachen.
Von seinem ersten öffentlichen Auftritt in einem Rathaus an, wo man ihn auf den Klavierhocker heben musste, über die ganzen 65 Jahre seiner Ehe ,besucht er Konzerte, pflegt den Kontakt zu europäischen Musikern, komponiert er und gründet auch ein Septett. Obwohl fanatischer Berliozanhänger spielt er auch Mozart, Saint-Saens, Gounod und Charpentier.
Das Berufsleben
Frantzen konnte weder von der Musik noch von den Drachen leben. Ein Handel mit Drachen war nicht erfolgreich. Mit 16 Jahren, im Jahre 1897, wurde der junge Lucien zwar zur Ingenieursschule in Anger zugelassen, die Einkünfte seiner Eltern erlaubten es ihm aber nicht, das Studium tatsächlich auch anzufangen. Er arbeitet dann als Zeichner bei der Firma Baudet und Donon, die auf Metallkonstruktionen und Kunstschmiedearbeiten spezialisiert sind. Zu dieser Zeit revolutionierte der Einsatz von Metall die ganze Architektur. Frantzen ist es, der Vordächer zeichnet, die Schaufenster des Lagers des Louvre, die Fensterrosetten des Spielsaales des Casinos von Monte Carlo und auch die Glaswände des Lesesaales der Nationalbibliothek in Paris. 1927 verläßt er die Firma, um sich selbstständig zu machen. Die Krise von 1929 läßt ihn aber nicht sehr erfolgreich sein. Nach dem 2. Weltkrieg, 1948, wird er Ingenieur bei Districoke.
Frantzen erhielt zahlreiche Preise, Medallien und Diplome, die seine künstlerischen und erfinderischen Fähigkeiten anerkannten. Er bekommt die Ehreninsignien der Nationalausstellung für Arbeit in Belgien 1930 und wird 1933 zum Akademieoffizier aufgrund seiner Verdienste um die Künste ernannt. Aber trotz aller Ehrungen lebt er stets in bescheidenen Verhältnissen.
Die Familie
Frantzen heiratet nach seiner Rückkehr aus dem Krieg am 16.10. 1919 Madeleine Mancel. Diese junge Frau stammt aus einer Familie, in der die praktischen Künste und speziell die Musik sehr gepflegt werden. Die Bekanntschaft mit Madeleine kommt durch Joseph Lecornu zustande. Ihre Schwester ist verheiratet mit einem Bruder Lecornus. Deshalb wird Frantzen sagen, dass er der Geschätzteste aller ergebenen Freunde wäre. Aus der Ehe geht Andre Pierre hervor, ihr einziges Kind. Die junge Familie verlässt 1924 Paris um sich in einem Vorort, Vesinet, niederzulassen. Die Zeichnungen zu ihrem Haus hatte er selbst gemacht. Die Entfernung von seinem früheren Bekanntenkreis verringert die musikalischen Aktivitäten. Schließlich lässt er sich von seiner Frau scheiden, um Suzanne Martinon Bourget zu heiraten, die dann späterhin seine Witwe wurde.
Die schönste Zeit, La belle epoque

Große Winde für das Manlifting der Union der Drachenflieger von Frankreich
1907 gründet Frantzen mit einigen Kameraden die Union der Drachenflieger von Frankreich (UCVF), deren Präsident er wird. Es gab auch vorher in Frankreich schon Gruppierungen von Drachenfliegern. Diese waren aber jeweils nur eine Unterabteilung von Fliegerclubs. Die UCVF scheint wirklich der älteste Verein speziell für Drachenflieger gewesen zu sein. Die UCVF entwickelt sich sehr schnell. 1914 umfaßt sie nach Frantzen 25 verschiedene Unterabteilungen in ganz Frankreich. Der Drachen wurde dort nicht wie in anderen Vereinigungen als Spielzeug, sondern wirklich als Werkzeug gesehen. Dies beinhaltete durchaus auch die militärische Nutzung von Drachen. Man wollte Pionier in diesem Bereich werden und deshalb gab es jeden Sonntag theoretische und praktische Kurse für die Mitglieder. Wer dabei unentschuldigt fehlte wurde bestraft. In dieser Epoche konnten die Gesellschaften der Drachenflieger nur sonntags Experiment machen, weil die Mitglieder unter der Woche arbeiten mussten. Die Materialien wurden unter der Woche von 20-24 Uhr unter schwierigen Verhältnissen hergerichtet. Die Arbeitswoche umfasste damals 6 bis 7 Tage mit einer täglichen Arbeitszeit zwischen 10 und 12 Stunden.
Im August 1912 nimmt die UCVF am internationalen Wettbewerb in Spa teil, wo sie die folgenden Preise gewinnt.
3. Platz für den steilsten Flugwinkel
3. Platz beim Manlifting
3. Platz für die größte Zugkraft

Diese dritten Plätze hinterlassen bei Frantzen einen leicht bitteren Geschmack, weil für ihn diese Ergebnisse der Neuartigkeit seiner Drachen und deren leichter Montage nicht gerecht würden. Die Zeitschrift „La Conquete de l’Air“, das offizielle Organ des Aeroclubs von Belgien, berichtet in ihrer Ausgabe vom September 1912:“ M. Fournier erreichte schnell eine Höhe con 62 Metern und blieb dort 20 Minuten lang. Das war bei diesem Wettbewerb Rekord. 200 Meter Höhe wären durchaus möglich gewesen. Obwohl nur Dritte hat die UCVF doch den besten Wettbewerb gemacht. Die Landung von M. Fournier nach dem Signal zum Ende des Wettbewerbs war in hohem Maße eindrucksvoll. Indem er die Zugdrachen loswarf lockerte er seine Bremse und machte unter dem Applaus des enthusiastischen Publikums einen hervorragenden Abstieg. Diese Versuche wurden später öfter wiederholt und beweisen die Sicherheit seines Systems beim Landen ohne Schleppdrachen.“
Im August 1913 nimmt die UCVF am Treffen in Grandville/Bretagne und im Juni 1914 am letzten großen Wettbewerb in Boulogne -sur-Mer teil. Die UCVF gewinnt den 2. Preis bei den Drachenaufstiegen und eine spezielle Prämie für den Preis in Meteorologie.
Die Breite der Aktivitäten und die Phantasie von Frantzen sind bemerkenswert.
Er wird ein Mitteilungsblatt der UCVF veröffentlichen, und ein Buch über die Praxis der Konstruktion von Drachen , das bei der Librairie Aeronautique verlegt wird. Er schreibt Artikel mit zahlreichen Drachenplänen und Zeichnungen für die Zeitschrift „La Vie Aerienne“, die seine sprudelnde Vorstellungskraft zeigen. Gleichzeitig aber bewirken seine Ideen, seine Überschwänglickkeit Ironie bei seinen Kollegen.
So schlug er einmal vor, einen Drachen zur Rettung Schiffbrüchiger mit einem Photoapparat zu versehen, damit wenigstens ein Bild der Verzweifelten als Erinnerung gemacht werden kann, wenn die Rettungsversuche fehlschlagen. Solche Ideen erklären vielleicht, warum Frantzen in der Welt der Drachenflieger teilweise an den Rand gedrängt wurde. Er fühlte sich ungerecht behandelt, als Opfer kollektiver Ächtung seiner Person.
Der Erste Weltkrieg

Frantzen ist Soldat vom August 1914 bis März 1919. In dieser sehr langen Zeit hat er relativ wenig Zeit direkt an der Front verbracht. Er arbeitete mehr an der Entwicklung von Drachen für die Armee. Seit Kriegsbeginn versorgte er die Armee mit Drachenzügen und Winden der UCVF. Bizarr ist, dass sich dieses Material Anfang 1915 bei der britischen Armee findet, die damit nahe Armentieres Bomben über die deutschen Schützengräben abwirft. Nachdem Frantzen im Oktober nahe Commercy verwundet wurde gehörte er zur Drachen-Automobil-Abteilung Saconneys. Im April 1915 wurde er nach Saint-Cyr nahe Versailles versetzt und zum Dracheninstruktor ernannt. Saint-Cyr ist ein großes Zentrum für Luftschiffe und Flugzeuge. Drachenballone( sogenannte „Würstchen“) werden dort gebaut und bis 1917 reparieren dort fast 4000 Menschen Flugzeuge. Frantzen ist dafür zuständig, die Rekruten der Klasse 1916 in der Handhabung der Saconney Drachen einzuweisen . Parallel entwickelt er meteorologische Drachen und solche zur Telegraphie ohne Draht. Einige dieser Drachenformen sind durch die sechseckige Form von Baden-Powell inspiriert. Wahrscheinlich aber wurde nicht einer dieser Prototypen bei der Armee verwendet.
Im September 1916 ist Frantzen Kaporal der ersten Gruppe der Flieger in Cazaux dans les Landes. Er wird Chef des Luftschiffparks und ist zuständig für die Luftartellerie. Cazaux wurde 1913 gegründet ,damit Flugzeuge hier Schießversuche machen können, speziell bezogen auf Luftschiffe. 1916 sind dort 800 Personen beschäftigt. Frantzen ist zuständig für die Drachen, die Zielscheiben nach oben tragen und von motorisierten Booten gezogen wurden, die auf einem nahen See fuhren. Auf einigen Photos ist zu sehen, dass diese Zielscheiben auch aus kleinen Heißluftballons bestanden. Frantzen wollte dafür aber lieber seine Drachen benützen und betrachtet diese Zeit als „Vegetieren.“
1917 stellte Deutschland 120 U-Boote in Dienst, die Großbritannien zur Kapitulation zwingen sollten, indem versucht wurde, die Nachschubschiffe zu versenken. Die Begleitkonvois dieser Schiffe waren öfter ausgerüstet mit Fesselballonen, von denen aus Beobachter das Meer absuchten. Die waren allerdings sehr sperrig und umständlich in der Handhabung. So blieben die Drachen. Schon vor dem Krieg fanden diesbezügliche Experimente in Russland, England und Frankreich statt. In Frankreich tat dies 1913 Saconney. Die Marine war aber der Meinung, dass Drachen von keinem praktischen militärischen Nutzen wären und damit keine Veranlassung bestünde, dieses Material zu verwenden.
Währenddessen hatte sich eine Gruppe von Förderern der Drachenidee gebildet. Zuerst veröffentlichte Lecornu 1917 sein Buch über die Verwendung von Drachenzügen zur Beobachtung des Meeres und zur U-Boot Suche, dem noch zwei Broschüren mit demselben Thema folgten. Andere Personen, darunter Senator Cornet, intervenierten beim Sekretariat für Erfindungen, um Versuche in diese Richtung aufzunehmen. Schließlich präsentierten zwei Drachenflieger ihre Projekte: Frantzen und Pantenier. Der Vorschlag Panteniers wurde wenig unterstützt und nicht berücksichtigt. Der Nachteil seines Vorschlages wäre, dass sein Kastendrachen zu sperrig und zu schwierig in der Handhabung auf einem Schiff sei. Frantzen schlug einen Drachenzug aus Drachen von je 10 Quadratmetern vor . Diese Drachen kombinierten die sechseckige Form von Baden-Powell mit den Dreieckszellen des Conyne. Durch eine Gabel an der Vorderseite des Drachens lief das Kabel wie bei den Systemen von Uljanin und Pantenier. Diese Drachen, jeder 12 cm hoch, ließen sich leicht montieren und waren stapelbar. Dieser Versuch der Wiederbelebung des Drachens stieß nicht auf großen Enthusiasmus. Frantzen beklagt sich einerseits: „Kommandant Saconney versperrt mir ständig den Weg“ und andererseits darüber, dass alles Drachenmaterial von der Front abgezogen wurde. Die Marine zeigte sich jedoch beeindruckt von den Versuchen, die vom Juli 1917 bis Juni 1918 gingen. Die Drachen wurden von August bis Oktober gebaut und im Januar 1918 wurden Frantzen am Zentrum der Marine für die Luftschiffahrt in Saint-Cyr 12 unerfahrene Marinesoldaten zur Verfügung gestellt. Die Versuche verliefen enttäuschend: „ein Auto stellte das Schiff dar und rollte auf einer Straße, die das Meer darstellen sollte.“ Frantzen hätte sich Versuche auf einem Schiff zu Wasser gewünscht, wo zwar das Starten schwierig gewesen wäre, der Flug selber aber sehr viel leichter , weil der Wind durch die Fahrt des Schiffes regelmäßiger ist und die Windkraft verändert werden kann, indem das Schiff etwas vom Kurs abfällt. Nach Auskunft Frantzens verweigerte die Marine aber einen Versuch, bei dem ein Drachenflieger das Kommando über ein Schiff gehabt hätte. Die heilige Tradition verlangte es, dass nur der Kapitän Chef auf dem Schiff sein kann. Schließlich wurden die Versuche beendet.
Vor 1918 wurden im Krieg zeitweise nur die Saconney-Drachen im Krieg eingesetzt, um Menschen zu heben, vielleicht auch noch der Conyne zum Funken und der Nerlow-Drachen für die Meteorologie.
Im Februar 1918 beantragt Frantzen ein Patent für einen „Fliegeapparat zur Luftbeobachtung“. Das Patent wurde am 8.4.1920 erteilt. Dem Misskredit, unter dem der Begriff „Drachen“ litt, begegnete Frantzen, indem er den Begriff „Fliegeapparat“ und „Fesselflieger“ verwandte.
Eine neue Welt ohne Drachen
Nach 1918 versuchte Frantzen wieder einen französischen Verein für Drachenflieger zu gründen, es wollten aber nicht mehr genug Leute mitmachen. Die immensen Fortschritte in der Fliegerei während des Krieges ließen Drachen außer Gebrauch kommen. 1930 versuchte ein „Club Cerf-Voliste de France“ vergebens, wieder mit bemannten Drachenaufstiegen anzufangen. Frantzen seinerseits begann sich nun mehr für Fallschirme zu interessieren.
Kurz nach dem 2 . Weltkrieg tritt Frantzen einem Verein ehemaliger Kämpfer bei, der zur politischen Rechten gehört und unklare Ziele verfolgt, aber nicht faschistisch gewesen sein soll.
!956 verfaßt Frantzen, der mittlerweile im Ruhestand in der Normandie lebt, ein Manuskript mit Photos und Plänen. Dieses Manuskript ist für das „Musee de l’Air“ am Flughafen Le Bourget bei Paris bestimmt und ist dort heute noch einsehbar. Frantzen stirbt am 27.3.1975 im Alter von 93 Jahren in Ryes in der Region Calvados.
Durch sein Organisationstalent, seinen Enthusiasmus, seinen Bekehrungseifer und seine Vorstellungskraft ist er einer der wichtigsten Drachenflieger Frankreichs. Er starb zu einem Zeitpunkt als andere Erwachsene die Drachen, diesmal aus modernen Materialien, wieder für sich entdeckten.
Danksagungen:
Musee de l’Air
Nico van den Bergh (Niederlande)
Und speziell Herr Thierry Frantzen, der mir liebenswerterweise seine Erinnerungen an seinen Großvater mitteilte
Anmerkung:
Auf dem Teil meiner eigenen Homepage, der sich mit Patenten befasst, findet ihr das Patent von Frantzen unter den Patenten aus Frankreich. (Der Übersetzer)
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